Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Bahnensport

Erstellt von knutpankrath am Samstag 28. August 2010

Entschleunigung

Eine Unsitte aus meiner vergangenen Angestelltenzeit ist eine sagen wir mal nicht immer begründete Hektik. Dazu zähle ich z.B. die Nutzung PS-starker Fahrzeuge, mit denen oft nicht mehr geleistet wird als das schnellere Erreichen des Staus. Ähnlich unsinnig für mich ist es, die schnellstmögliche Zugverbindung für eher viel Geld zu buchen, wenn ich Zeit für Landschaftsbetrachtung und nette Gespräche habe. Genau aus diesem Grund hatte ich mich entschieden, das ökonomisch günstigste Fahrkartenangebot wahrzunehmen, auch wenn das zwischen Berlin und Niebüll 4 Umstiege vorgab.

Streckenabschnitte und Übergänge

Berlin-Stendal IC148

Der erste Reiseabschnitt begann mit Abschied von Frau und Tochter vor dem Bahnhof und war für mich etwas ganz besonderes. Die Gründe dafür sind zu privat, um sie hier zu benennen.

Am Vierertisch entspann sich bald ein sehr nettes Gespräch mit einem Musiker, der einen Spezialrucksack mit Drumsticks mit sich führte. Der darauf lesbare Werbespruch war einprägsam. “VATER. good wood. perfected”. Der Musiker erzählte, dass er viele gute Jahre in Bremen verbracht hatte, bevor zur Erweiterung des musikalischen Horizonts nach Hamburg umgezogen ist. Die Zeit verging schnell.

Stendal-Uelzen RE36064

Der satt gefüllte Zug legte es nahe, den erstbesten Platz zu belegen, um nicht zum Schluss auf die Stehplätze zu müssen. Ein älterer Herr saß mir gegenüber, der sich als Ostpreuße oder Schlesier herausstellte. Seine Erzählung darüber, dass die zwangsweise verlassene Heimat bereits weit vor dem Eintreffen gegnerische Armeen 1944 systematisch geplündert worden sein muss, klang eher fragend als anklagend. Ich bewundere den Abstand, mit dem er nicht mit Pauschalurteilen aufwartete, was bestimmte Gruppen von Menschen taten oder tun sondern klar benannte, wer als Einzelperson vermutlich welchen Anteil am unrechtmäßigen Umverteilen hatte. Der Herr hielt diese Geschichte von der Wehrmacht für noch nicht endgültig geschrieben.

Bahnhof Uelzen

Schick. Hat da Hundertwasser oder einer seiner Schüler gewirkt? Ein Bahnhof mit Verzicht auf viele rechte Winkel und stattdessen Wellen dort, wo sonst alles planiert ist, hat schon was. Ich ärgere mich ein wenig, dass ich meinen Fotoapparat nicht schnell gezückt habe.

Uelzen-Hamburg Hbf. ME80946

Erstmals wird es ungemütlich. Und das in mehrfacher Hinsicht. Der Zug füllt sich derart, dass auch im Oberdeck Mensch an Mensch steht. Und eine zuvor stressfreie Fahrt beginnt, das Nervenkostüm zu strapazieren. Niemand hat Lust auf ein Gespräch. Der Zug fährt wg. Türstörung schon mal zu spät los. Station für Station werden brav alle Gründe genannt, warum mein zuvor üppig wirkendes Umsteigefenster von 23 Minuten beim nächsten Zugwechsel auf zeitweise minimal 2 Minuten zusammen schnurrt. 2 Minuten, um in einem vollen Hauptbahnhof Hamburg 5 Gleise weiter zu kommen, stellt sich als sportlich heraus. Als Läufer mit sportlichen Zielen kann ich meine Kondition gepaart mit ein wenig Berliner Zug zum Ziel einsetzen. Ich erreiche den Zug laut Bahnhofsuhr 45 Sekunden vor Abfahrt. puh.

Hamburg Hbf.-Elmshorn RE21016

Dieser Hüpfer bietet wenig Stoff zur Erzählung. Offenbar war um Hamburg so viel los, dass der Zug ein wenig später los kam. Zum Glück sollte laut meinem Reiseplan der Zug auf dem selben Gleis einfahren, wie der letzte Richtung Niebüll eingesetzte aus Elmshorn heraus fahren sollte. Schrecksekunde nach dem Aussteigen: Ist das wirklich Elmshorn? Ich sehe durch den Zug verdeckt nämlich kein Bahnhofsschild. Was wäre wenn? Zug fährt ab und das berühmte große Teppichhaus sowie das Schild Elmshorn sind zu sehen. Durchatmen.

Elmshorn-Niebüll NOB80514

Mit nur noch 2 Minuten Verspätung geht es auf die letzte schienengebundene Etappe des Tages. Das Land ist flach. Die Windkrafträder sorgen für eine andere Optik als in meiner Jugend erstem Teil. Wenn wir aber weniger gefährliche oder dreckige Energie nutzen wollen, ist diese Investition in die Landschaftsveränderung ein guter Beitrag. Unsere Kinder werden das hoffentlich anerkennen, bevor sie das Ruder übernehmen und es hoffentlich noch besser machen. Nachhaltiger, energieeffizienter und gern auch mit weniger Ressourcen anderer Art. Herrlich wie der weite Blick übers Land und die vergleichsweise langsame Reise die Gedanken klarer macht. Und trotzdem vermisse ich auch meinen Moloch Berlin mit sein Lautstärke, Dynamik und Ruppigkeit… Seltsam das alles.

Abholung durch Auftraggeber und Freund

Ohne Absprache stand mein Abholer so auf dem Bahnsteig, dass mein Waggon unmittelbar an seiner Position zum Stehen kam. Ein schönes Bild für passende Verbindungen zwischen Menschen, die sich privat und geschäftlich verbunden fühlen. Zu meinem Glück hatte mein Gastgeber gerade ordentlich Appetit, was uns einen Imbiss besuchen ließ. Der war allein ob des Namens für mich bemerkenswert. Ich heiße ja Knut…
Knutzen Imbiss

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