Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Das IT-Karrierehandbuch

Erstellt von gemeinschaft am Montag 28. Juli 2008

Diese Rezension gegenstandiert “Das IT-Karrierehandbuch” mit dem Subtitel “Gezielte Jobsuche, erfolgreich bewerben” von Martina Diel aus dem Verlag O´Reilly. Die 268 Seiten wohl strukturierter Inhalte in verlagsbekannt schicker Optik und angenehmer Haptik erhält der interessierte self-Coachee für € 24,90.

Diese Rezension ruft in mir nach zwei Einleitungsvarianten zur Auswahl:

  1. Das Buch richtet sich an Menschen mit einer überdurchschnittlichen technischen Begabung, die für den Berufseinstieg, die -entwicklung oder -veränderung in der IT Branche professionelle Unterstützung suchen, ohne sich gleich 1:1 von einem Menschen betreuen zu lassen.
  2. Wann, um ein paar beliebig gewählte Beispiele aufzuzählen, ist das Buch für Sie und Ihre Karriere besonders gut geeignet?
    1. Wenn es für sie eine ganz normale Frage ist, ob das Mißgeschick kill  -9 * oder rm -r / das größere ist.
    2. Wenn die Anzahl Ihrer Motiv T-Shirts aus den Bereichen Betriebssysteme, Programmiersprachen, – methoden oder -tools mehrfach größer ist als die der krawattenfähigen Hemden samt passenden Schlipsen.
    3. Wenn bei den konkurrierenden Zielen Fachartikel fertig lesen / Schreiben contra Verabredung einhalten zum Mißvergnügen Ihrer Umgebung sehr oft die Entscheidung für den Fachartikel fällt.
    4. Wenn Sie auf einer Partie technische Rechnerwerte müheloser parat haben als gängige smalltalkgeeignete Partnereigenschaften.
    5. Wenn die Ratio Einladungen zu Conventions / Fachmessen contra solchen zu privaten Anlässen auffallend größer ist als bei vielen anderen Menschen in Ihrer Umgebung.
    6. Wenn Sie schon das Kochbuch für Geeks bzw. eine größere wiegbare Auswahl Fachbücher haben, als Ihr Lebendgewicht beträgt.
    7. Wenn Ihre einzigen denkbaren Latex-Phantasien auf http://www.latex-project.org/ statt finden.

Plus

  • Die Struktur und Sprache des Buches holt die typischen Vertreter der fokussierten Zielgruppe da ab, wo sie sich nach meinen Erfahrungen oft befindet.
  • Der zurückhaltende Einsatz netter kleiner Grafiken lockert die “inoffiziellen manpages für den Karrierekram” so ab, dass es niemanden irritieren sollte.
  • So etwas wie die Formulierung “Geschichten aus der Wildbahn” helfen der Zielgruppe, die folgenden Aussagen über anders geartete Menschen und Denkmuster in ihren etwas speziellen Kontext einzusortieren.
  • Der Leser wird mit großem Herzen und Verständnis für seine positive Andersartigkeit an die Hand genommen.
  • Auch Dank zahlreicher Verweise auf Netzfundstellen fehlt mir in dem Buch nach einmaligem Lesen nichts.

Minus

  • Auf Seite 51 im Kapitel “Selbständig als Freelancer” kommt für meine Verständnis die Empfehlung, in der Weiterbildung auch in Bereiche wie Steuern, Recht und Soft Skills zu investieren. Das sehe ich als Fan von strikter Arbeitsteilung anders und würde eher die Kernkompetenz stärken und dazu raten, für diese Riesenfelder die richtigen Dienstleister zu finden, um den Kopf nicht mit imperfekten Systemaufrufen zu irritieren. Das ist aber eine Geschmacksfrage, über die man sich länger mit guten Argumenten streiten könnte.
  • Auf den Seiten 79-81 hat mich die Qualität abgedruckter Screenshots aus dem Web nicht ganz überzeugt.

Fragen

  • Warum bitteschön beginnt das Buch nicht mit dem nullten Kapitel? (Zur Erklärung für vermeintlich normale Menschen: Es ist für einen Geek nicht notwendigerweise so, daß man im Dezimalsystem zählt und ein Beginn bei 1 ist auch nur eine völlig zufällige seltsame Marotte von Mehrheiten, die den Charme präziser Systeme eh nie verstehen werden…)
  • War die hohe Zahl abgedruckter Interviewteile zum Belegen bestimmter Aussagen wirklich zielführend? Mir hätten ein paar weniger genügt.
  • Auf Seite 170 steht auf die von einem Personaler hypothetisch gestellte Frage “Was muss man tun, damit Sie gute Arbeit leisten” ein recht adrettes Antwortensträußchen. Mit meinem individuell erworbenen Hintergrund habe ich mich gefragt, warum es hier keinen Ausflug in die Motivarorenanalyse gegeben hat. Mir hat es bereits gute Dienste geleistet, dass mich jemand auf diesen Ansatz hingewiesen hat.

Summe

  • Zusammenfassend bin ich mal so keck und behaupte ungeprüft, dass Martina Diel auf die IT-ler so freundlich und besorgt schaut, wie seinerzeit Loriot in seiner Rolle des Professor Grzimek auf die Steinlaus. Aus der Mischung ihrer Erfahrungen, Kenntnisse und ihrer Haltung ist deshalb ein praxistauglicher und lesenswerter papierner Begleiter geworden, der das glaubhafte Versprechen abgibt, einer Reihe von Menschen wirklich weiter zu helfen.
  • Da wiegen meine kleinen Fragen und Kritikpunkte nicht sonderlich schwer. Vielleicht finden sie bei ausreichend gefühlter Substanz durch die Autorin ja Einzug in eine zweite Auflage?

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