Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Der Bandwurmsatz im Qualitätsjournalismus

Erstellt von gemeinschaft am Montag 29. Juni 2009

Im gemeinsamen Immobilien-Magazin von Berliner Zeitung und Berliner Kurier findet sich ein gutes Beispiel dafür, wie Qualitätsjournalismus in meinen Augen nicht aussehen sollte. Ich greife das konkrete Thema auf, weil ich mit der Materie vertraut bin und es mir zu wichtig ist, als dass es unkommentiert stehen bleiben sollte.

Das Interview führte laut Kennzeichnung Jan Ahrenberg. Der folgende Satz wird Senatorin Ingeborg Junge-Reyer dem Aufbau des Artikels und gängiger Lesegewohnheiten entsprechend als Zitat oder zitatähnliche Aussage zugeordnet.

Wenn wir heute für ein Quartiersmanagement-Gebiet einen Fonds ausloben dann stellen wir fest, dass der Quartiersrat – dass sind zu 51 Prozent zufällig ausgewählte Bürger des Bezirks und zu 49 Prozent Menschen, die professionell mit Stadtplanung zu tun haben – sehr genau prüft, ob es tasächlich gerechtfertigt ist, öffentliches Geld auszugeben, das ihnen vorgeschlagen wird.

  1. Ein Satz dieser Länge und dieses Aufbaus gehört nicht in die Zeitung. Auch in einem Fachbuch wäre er tendenziell eine Zumutung.
  2. Die Interpunktion wäre selbst bei Erhaltung des als Wortmäander daherkommenden Satzes eine nicht dudenkonforme.
  3. Ein Journalist sollte „das“ und „dass“ auseinander halten können.
  4. Nach meinem Kenntnisstand als Quartiersrat in Moabit-West besteht der Quartiersrat nicht zu 51% aus zufällig ausgewählten Bürgern des Bezirks, sondern aus gewählten Anwohnern aus dem Quartiersmanagement-Gebiet.
  5. Die anderen 49% sind nach meinem Wissen auch nicht Menschen, die professionell mit Stadtplanung zu tun haben, sondern Vertreter von Vereinen, sozialen Trägern, Glaubensgemeinschaften und anderen im Quartiersmanagement-Gebiet engagierten nichtnatürlicher Personen.
  6. Das Wort Prozent in einem langen Satz oder überhaupt an Stelle von % auszuschreiben, empfinde ich wahlweise als affig oder zeilenschindend.
  7. Die schwer herauslesbare Aussage, dass Frau Junge-Reyer offenbar die ehrenamtliche Arbeit der Quartierräte schätzt, verdient meiner Meinung nach eine klarere Form.

Weitere Auffälligkeit im Artikel: Der weniger im Thema steckende Leser des Beitrags wird nach meiner Lesart damit allein gelassen, dass es Quartiersrat und Quartiersmanagement gibt und dass diese sich unterscheiden. Es gibt einfach Unterschiede zwischen geschäftsbesorgenden Firmen und deren Mitarbeitern auf der einen Seite und ehrenamtlich engagierten Bürgern und Institutionen andererseits.

Ob Frau Junge-Reyer den Beitrag vor dem Abdruck gesehen hat? Ist das Thema so unwichtig, dass eine Kontrolle von Form und Inhalt des Beitrags nicht mehr stattfand? Falls ich in angemessener Zeit E-Mail Adressen finde, werde ich die Senatorin und den Journalisten von meinem Beitrag informieren. Vielleicht gibt es ja ein Bedürfnis nach Klarstellung oder Korrektur?

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2 Kommentare zu “Der Bandwurmsatz im Qualitätsjournalismus”

  1. Target sagt:

    Offener Brief
    an die Bezirksstadträte und die BVV-Mitglieder
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    gestern Abend, am 03.06.2010, wurde ich als von den Anwohnern gewähltes Mitglied des Quartiersrates Mariannenplatz durch Beschluss des nicht beschlussfähigen Quartiersrates ausgeschlossen.
    Interessant ist, dass es einen solchen Vorgang in der Geschäftsordnung nicht gibt und nach geltendem Demokratieverständnis auch nicht geben dürfte. Die Verantwortung für dieses Ehrenamt wurde mir vom Bürgerforum durch Wahl zugewiesen. Ein Ausschluss kann laut Geschäftsordnung nur durch konsequentes nicht entschuldigtes Fehlen erfolgen. Für den Ausschluss eines aktiven Mitgliedes fehlt jede formale und demokratische Legitimation. Vergleichsweise könnte so die Mehrheit der BVV ein nicht genehmes Mitglied ausschließen.
    Ich hatte mir erlaubt, die bisherige Arbeitsweise des Trägers des Quartiersmanagements „Jugendwohnen im Kiez e.V.“ und die intransparente und selbstherrliche Vorgehensweise des Vertreters der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Ralf Hirsch zu kritisieren.
    Ich hatte ebenso die gefällten Entscheidungen der Steuerungsrunde zu Gunsten von „befreundeten“ und zu Lasten von „feindlichen“ Trägern von Förderanträgen angesprochen. Der Begriff „Gesinnungsförderung“ trifft öfters zu.
    Auch der hemmungslose Missbrauch der eigentlichen Beraterfunktion von Herrn Hirsch gegenüber den Quartiersräten zum Durchpeitschen von Anträgen „befreundeter“ Antragsteller wurde von mir benannt.
    Herr Hirsch hat eine perfide, manchmal auch aggressive Methode der Manipulation. Er und ich haben unsere Erziehung in einer untergegangenen Welt genossen. Dort wurde gelehrt, wie man manipuliert und seine ureigensten Interessen, getarnt als angeordnetes Verwaltungsinteresse, gegenüber Andersdenkenden mit Mehrheitsbeschluss durchsetzt.
    Das Quartiersmanagement und der Quartiersrat brauchen sowohl eine inhaltliche als auch eine finanzielle Kontrolle, damit dieses Programm „Soziale Stadt“ nicht zu einem reinen Selbstbedienungsladen verkommt. Gebietsentwicklung und das Streiten darüber braucht einen breiter legitimierten Rahmen. Es ist nicht nur eine Frage der Herrn Hirsch genehmen Mitglieder und einiger weniger Alibibewohner. Es betrifft die gesamte Bewohnerschaft, die Behörden und die Institutionen, die doch in erster Linie dafür da sind, die Lebensverhältnisse gerade für die Kinder und Jugendlichen zu verbessern.
    War nicht auch mal daran gedacht, dass das Quartiersmanagement sich überflüssig machen sollte? Quartiersmanagement funktioniert als reines Verwaltungsorgan für die zur Verfügung gestellten Mittel. Es fehlt jede Kenntnis des Gebietes, jede Öffnung ins Gebiet, jegliche Teilnahme an Maßnahmen, die nicht von Herrn Hirsch gefördert worden sind. Spätestens 18.00 Uhr sind die Jalousien des Büros heruntergelassen. Als Befehlsempfänger der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, vertreten durch Herrn Hirsch, ist eine Interessenwahrnehmung für die Menschen im Gebiet und eine qualitative und quantitative Befassung von Veränderungsnotwendigkeiten in der Durchführung nicht gewollt.
    Wer evaluiert die Maßnahmen, die finanziert wurden und werden? Was soll qualitativ in welchen Zeiträumen erreicht werden und wie erreicht man das mit welchen Maßnahmen und Methoden? Alles Fragen, die beim Umgang mit Steuergeldern erforderlich sind, aber aggressiv zurück gewiesen werden, wenn sie gestellt werden.
    Es ist nach fünf Jahren Quartiersratsmitglied der nachweisbare Eindruck entstanden, dass immer die gleichen Träger, mit immer mehr Geldern vor allen Dingen sich selber erhalten. Der Nutzen für die Bewohnerschaft ist nirgendwo nachweisbar. Eine Ausnahme ist deutlich hervorzuheben – die Hausaufgabenhilfe. Hier wurde über Jahre direkt bei den Schülern aus dem Gebiet Lern- und Nachhilfeunterstützung angeboten. Das hatte Substanz und auch Erfolg. Was allerdings Bauchtanz für zehn Personen an einer Gebietsentwicklung mitwirken lässt, weiß wohl niemand zu erläutern. Solche Absurditäten, die als Geldverschwendung bezeichnet werden können, wird wohl selber Herr Hirsch bei Nüchternheit nicht abstreiten können.
    Wer kontrolliert eigentlich die Verwaltungsmitarbeiter? Wer gestattet ihnen, je nach Träger die Verfahrensgrundsätze zu ändern. Die Rolle sollte Beratung der Quartiersrats-Mitglieder bei Bedarf sein. Es ist gänzlich aus dem Ruder gelaufen.
    Das Bürgerforum, wo sowohl der Quartiersrat als auch das Quartiersmanagement sich für ihre geleistete Arbeit und für getroffene Entscheidungen rechtfertigen mussten, wurde von Herrn Hirsch abgeschafft. Jetzt gibt es Wahlurnen an verschiedenen Standpunkten des Gebietes. Warum sie in das Gremium wollen, wem sie sich verpflichtet fühlen, welche inhaltlichen Schwerpunkte sie haben, wird nicht mehr hinterfragt. Wenn Familien mehrere hundert Mitglieder haben, sind bestimmte Konstellationen von gewählter Person und anschließender finanzierter Maßnahme für Kenner möglich und können auch sehr transparent sein. Mit Gebietsentwicklung hat das wenig zu tun, mit eigenen Interessen sehr viel.
    Die klassische Anwohner-Versammlung, wo auch mal der Wind von Lobbygruppen und Einzelpersonen sehr heftig blasen kann, garantiert eine offene und transparente Auseinandersetzung.
    Auch die bisherige Praxis von „Jugendwohnen im Kiez e.V.“ ist einer kritischen Prüfung zu unterziehen, eine halbherzige Selbstverpflichtung wie in 2008 reicht nicht aus. Hier muss genau nachgerechnet werden, was ist hier eigentlich gelaufen, wohin sind welche Gelder geflossen. Eine Untersuchung des ABM-Projektes „Block 100“ und des Projektes „Deutsch-Praxis“ bedarf einer gesonderten Befassung. Das Ergebnis ist sowohl für das Bezirksamt als auch für den Rechnungshof Berlin von Bedeutung.
    Von Vorteil wäre die Befassung über einen bezirklichen „Untersuchungsausschuss“, der sich auch die großzügig verteilten Geldzuwendungen vornehmen sollte. Neben der finanziellen sollte auch die Zielsetzung des Programms einbezogen werden.
    Ich habe am 03.06.2010 um 20 Uhr demonstriert bekommen, wie mit kritisch nachfragenden gewählten Personen umgegangen wird. Der Umsetzung des Programms „Soziale Stadt“ ist jedes inhaltliche Maß und konzeptionelle Genauigkeit verloren gegangen. Es sind ungebundene sprudelnde Geldquellen, die Trägern das Vorhandensein ihrer selbst „vergolden“ – ohne Kontrolle. Formal mag alles korrekt sein, denn Formalien kann man nachsteuern, nachbessern. Es ist Papier, welches entsprechend beschrieben werden kann.
    Ich möchte die Verordneten der Bezirksverordnetenversammlung auffordern, von ihrem Recht Gebrauch zu machen, an den Sitzungen des Quartiersrates teilzunehmen. Als gewählte Mandatsträger für die Bürger in Friedrichshain-Kreuzberg sollten sie sich dieses Recht nicht nehmen lassen.
    Hier ging und geht es um sehr viel Geld, Steuergelder genau genommen. Bilden Sie auf Bezirksebene einen „Untersuchungsausschuss“ und ermitteln Sie nach bestem Gewissen.
    Es geht um die Glaubwürdigkeit des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“, um Transparenz, und um eine wirkungsvolle Gebietsentwicklung, die die Bewohner einbezieht, Brücken baut in der Verständigung zwischen Verwaltung und Bewohnern und um die qualitative Verbesserung der Lebenssituation der Menschen – nicht um die quantitative Verbesserung der Sozialen Trägerlandschaft.
    Joachim H. Hennig
    gewähltes und von den Anwohnern legitimiertes
    Mitglied des Quartiersrates Mariannenplatz
    PS.: Dieser Brief ist das Resultat der teilweise sehr hitzigen und emotionalen Debatte um eine Diskussionspapier für den Quartiersrat Mariannenplatz am 03.06.2010. Jede andere veröffentlichte Fassung als die vorliegende ist nicht von mir legitimiert.

  2. gemeinschaft sagt:

    Hallo Herr Henning,
    ich habe Ihren Beitrag erst jetzt entdeckt und nach einigem Nachdenken freigeschaltet. Er passt natürlich nicht so ganz hierher. Ich will aber gern dazu beitragen, dass auch in Ihrem Fall die Möglichkeit zur öffentlichen Auseinandersetzung hergestellt wird.
    Grüße aus dem QM-Gebiet Moabit-West
    P.S. Ich kenne keine der geschilderten Vorgänge, kann diese also auch nicht bewerten und rate jedem interessierten Leser, sich selbst ein Bild zu machen.