Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

DSDK – Maya Dähne im Interview

Erstellt von knutpankrath am Dienstag 3. Dezember 2013

Vorgeschichte

Auf dem pädagogisch betreuten Spielplatz am Ottopark hatte ich als aktiver Vater kürzlich Maya Dähne bei einer Lesung ihres Buches Deutschland sucht den Krippenplatz (kurz: DSDK) kennengelernt. Thema, Autorin und Art ihres Vortrags sowie ihrer Debattierfähigkeit stellen ein interessantes Paket dar. Vielleicht sollte sie öfter auf Podien eingeladen werden, wo sonst gern mal gefühlt zu viele mittelalte bis ergraute Herren thronen.

Aber zurück zur Story. Im nächsten Schritt hatte ich den Beltz Verlag um ein Rezensionsexemplar gebeten, dieses freundlicherweise prompt erhalten und mir im Alltag die Zeit für die Lektüre zusammengesammelt. Nach der Lektüre habe ich mir Fragen ausgedacht, deren Beantwortung die Autorin mir zugesagt hatte.

Untertitelt ist das Buch übrigens mit “Mein täglicher Wahnsinn zwischen Kita und Karriere”. Die Tochter der Autorin sieht ihre dynamische Mutter (auch) wie folgt:

Mama und Kinderwagen

Künstlerin: Tochter der Autorin

Hier nun die Fragen und Antworten zum Buch:

Wie darf der Leser sich den Prozess der Entstehung des Buches vorstellen? Gab es z.B. erst die Idee dazu und dann wurde Stoff gesammelt oder gab es ein Tagebuch, ein Notizbuch und dann die Überlegung, dass das eigentlich sortiert, ausgearbeitet und veröffentlicht gehört?

Ich bin in meinem Freundeskreis berüchtigt für meine bissigen und bitterbösen Vorträge über Teilzeitmamas, Vollzeitjobs, Kinder, Kitastrophe und Karriereknick. Irgendwann sagten immer mehr Leute: „Maya, Du musst in die Politik – oder ein Buch schreiben.“ Ich hab mich dann fürs Buch schreiben entschieden.

Ich habe das Buch bei der Lektüre als Mix schön erzählter eigener Erfahrungen, umfangreich eingeflochtener Fakten und skizzierter Lösungsideen wahrgenommen. Wie kam es zu genau dieser Kompostion der „Zutaten“ Persönliche Erfahrung, Fakten, Ideen, Apell?

Einerseits bin ich Mama – und wate 24 Stunden rund um die Uhr knietief im Elternalltag. Klar, dass die eigenen Erlebnisse in Kita, Büro und Co. einen wichtigen Teil des Buches ausmachen. Und natürlich habe ich mich mit Dutzenden anderer Mamas und Papas, Erzieherinnen, Babysittern und Omas zum Kaffee trinken getroffen und mir von ihnen ihre Erfahrungen mit dem Kinder-Betreuungszirkus erzählen lassen.

Gleichzeitig bin ich auch Journalistin – und sowohl online als auch offline ständig auf der Suche nach Geschichten und Gerüchten, Zahlen und Fakten. Das Buch sollte nicht bloß ein subjektiver Tagebuchbericht einer gestressten Mutter werden, sondern auch gründlich recherchiert sein und eine klare gesellschaftspolitische „message“ haben.

Den humorvollen Titel und die Faktendichte habe ich als eine Art Cover-Inhalt-Schere empfunden. Was mich zu der Frage bringt: In welcher Reihenfolge sind Titel und Inhalt entstanden und warum?

Es war ähnlich wie beim Kinder kriegen: Erst kommt das Baby, dann der Name. Bei der Suche nach dem Titel kam ich mir ein bisschen vor wie beim Wälzen von Vornamenbüchern. Anna oder Alina, Theo oder Tim. Es gab gefühlte 436 verschiedene Titel, die ich gemeinsam mit dem Beltz Verlag entwickelt habe. „Deutschland sucht den Krippenplatz“ war am Ende ganz klar ein Kompromiss. Denn natürlich geht es in meinem Buch nicht nur um die Suche nach einem Krippenplatz für ganz Kleine, sondern um die berüchtigte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie Kinder (und Eltern) in dieser Gesellschaft wahrgenommen werden und was sich ändern muss.

Im zeitlichen Veröffentlichungszusammenhang des Wahlkampfs zur Bundestagswahl wäre es denkbar gewesen, Wahlkampfaussagen der Parteien für das Buch zu casten. Wie groß war die Verlockung oder was sprach eher dagegen?

Die Journalistin in mir hätte das liebend gerne getan, zumal der Bundestagswahlkampf genau in die Zeit der Buch-Veröffentlichung fiel. Die politische Phrasendrescherei wird ja in einigen Kapiteln durchaus zitiert und karikiert. Andererseits sollte „Deutschland sucht den Krippenplatz“ (unter Mama-Bloggern kurz DSDK genannt) eben ein unterhaltsames, informatives, humorvoll-witziges Buch für Mütter und Väter sein und keine tagesaktuelles politische Abrechnung.

Ärgerlicherweise haben familienpolitische Themen am Ende nur eine Statistenrolle im Wahlkampf gespielt (mal abgesehen vom leidigen Betreuungsgeld). Viel wichtiger waren offenbar PKW Maut und andere weltbewegende Themen. Und das ist auch jetzt, nach den Koalitionsverhandlungen, leider nicht viel anders…

Die Lust am Teilen von Geschichten kenne ich als Blogger gut. Addiere ich den offensichtlich betriebenen Faktensammelfleiss und die nachvollziehbare Analyse frage ich, ob nicht eine explizit formulierte Forderungsliste den Bogen hätte vervollständigen sollen?

Unbedingt. Aber die Forderungen gibt es ja im Buch. Meine zentrale These: Eltern und Kinder lassen sich nicht kaufen! Natürlich ist es wichtig, Familien finanziell zu unterstützen und ihnen gute Kinderbetreuung zu garantieren, aber das reicht nicht! In Deutschland ist Kinderkriegen und Kinder haben offenbar etwas, das gefördert werden muss. Kinder sind anstrengend, ein Karrierehindernis, ein Kostenfaktor und eigentlich kaum zumutbar. Deutschland ist nicht nur das kinderärmste, sondern auch das kinderfeindlichste Land in Europa. Der Kinderschutzbund in Deutschland hat 50.000 Mitglieder, der Tierschutzbund 800.000 – noch Fragen?

Meine konkreten Forderungen:

Liebe nörgelnde Rentner, lärmempfindliche Nachbarn, kinderlose Hipster: Entspannt Euch! Ja, Kinder sind manchmal laut und lästig, anstrengend und aufmüpfig. Babys haben stinkende Windeln, Kinderwagenmuttis sind ein Hindernis auf dem Radweg aber hej, Kinder sind Zukunft. Auch Eure!

Liebe Bürgermeister: Schaffen Sie ausreichend Plätze in bestens ausgestatteten Kitas (mit hervorragend bezahlten Erzieherinnen), statt Eltern mit schnell aus dem Boden gestampften Betreuungsplätzen abzuspeisen. Wir erwarten schließlich auch allerhöchste Qualität, wenn es um zertifiziertes Biohackfleisch oder unser neues Smartphone geht. Für unsere Kinder sollte uns das Beste gerade gut genug sein.

Liebe Unternehmer: Betreibt lebensphasenorientierte Personalpolitik, lasst Mütter und Väter in Kindererziehungszeiten ihre Arbeitszeit reduzieren – und später wieder aufstocken. Dadurch bekämen Familien Zeit geschenkt und die brauchen sie am allernötigsten. Das Ganze ist kein Sozialtralala, sondern rechnet sich.

Liebe/r Finanzminister/in: Mütter haben eine bessere, ausreichende Altersversorgung verdient, denn sie haben mit der Erziehung ihrer Kinder wichtige gesellschaftliche Arbeit geleistet!

Ich danke als Vater und Blogger der Autorin und Mutter herzlich für ihre Aussagen.  Ich wünsche allen Müttern, Vätern und ihren Fürsprechern Mut und Ausdauer, sozialpolitische Dinge zu bewegen.

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