Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Easyjet familienunfreundlich?

Erstellt von knutpankrath am Dienstag 8. Februar 2011

Aus Gründen von Genussfreude und zur Aufnahme von Koffein werkel ich in der Küche zielstrebig aber ohne Hetze an meiner Espressoschraubkanne. Das mechanisch meditativ frisch gemahlene Kaffeepulver verwandelt sich schrittweise in einen Cappuccino wahrhaft erfreuender Größe.

Plötzlich wird das erwünschte gebührenfinanzierte Radiopragramm durch teils inhaltlich wie akustisch belästigende Werbung unterbrochen. Die Krönung dabei kommt nicht von Jacobs Kaffee, um einmal brachial einen halben Kaffeekalauer unterzubringen. Vielmehr ist es der Billigflieger Easyjet. Oder sollte ich Billlichflieger Fiesijet sagen?

Der Plot ist grob gesprochen der, wenn ich es korrekt mitgehört habe: Frau nennt Männernamen und sagt, dass sie reden müssen. Sie sei schwanger. Akustischer Schnitt. Es gäbe viele Gründe zu verduften.

mißlungene Radiowerbung?

Hallo Erde an Werbefuzzies: Soll es komisch sein, eine schwangere Frau sitzenzulassen? Oder war diese Geschmacklosigkeit gezielt und Teil des Auftrags?

indiskutable Menschensicht?

Hat Easyjet das wirklich wissentlich so in Auftrag gegeben? Oder ist da etwas falsch gelaufen? Wenn das System hätte, sollte vielleicht mal jede Frau überlegen, ob dieser Anbieter zu ihr passt. Als Vater finde ich den Spot mit Verlaub deutlich mehr eine Zumutung als dass ich den Versuch des Witzes darin gut finden könnte.

Was sagt eigentlich der Verhaltenskodex von Easyjet über deren Frauen- und Familienbild? (Habe ich nicht recherchiert. Vielleicht weiß einer meiner Leser mehr darüber? Dann bitte gern per Kommentar ergänzen.)

Nur so zur Erinnerung: Die Schwangerschaft ist der so wunderbare wie notwendige Zeitraum, in dem sehr oft aus dem Wunsch zweier Menschen ein geliebtes Kind entsteht. Das sollte für meinen Geschmack einen gewissen gesellschaftlichen und werblichen Geschmacksschutz verdienen, oder?

Suchtreffer Easyjet Schwangerschaft

Ich habe mal die erste Seite der Suchtreffer für die Begriffskombinationen Easyjet und Schwangerschaft überflogen. Eine signifikante Häufung von Problemen, Ärger oder Beschwerden habe ich da nicht gesehen. Allerdings ist es auch nicht so einfach, alles auf einen Blick zu sehen, was das Internet aktuell zum Thema gesammelt hat.

Nachhall

Nach den ersten Kommentaren habe ich Easyjet über die E-Mail Adresse deutsche.presse@easyJet.com auf den Beitrag hingewiesen.

Am 10. Februar 2011 erreichte mich eine E-Mail folgenden Inhalts, die ich mit Genehmigung der Absenderin hier veröffentliche:

Sehr geehrter Herr Pankrath,

vielen Dank für Ihre Mail. Wir nehmen Ihre Kritik ernst und möchten uns daher gern dazu äußern.

Der Hörfunkspot baut auf dem Prinzip der Ironie auf: Eine typische Gesprächssituation wird überraschend verändert. Der dadurch entstehende Bruch ist ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir sind davon ausgegangen, dass die Hörer die Ironie der Botschaft erkennen und die Werbung mit einem Augenzwinkern aufnehmen. Diskriminieren oder zu Fehlverhalten motivieren wollte easyJet mit dem Hörfunkspot nicht. Es tut uns Leid, sollten wir einige Hörer verärgert haben.

Ausgestrahlt wird der Funkspot nicht mehr, da er nur im Rahmen der Rabattaktion lief, die am 8. Februar endete.

Sollten Sie Rückfragen haben, können Sie sich gerne jederzeit bei mir melden.

Mit freundlichen Grüßen

Verena Keimer

Marketing Manager
Germany, Baltics, Poland, Czech Republic and Scandinavia
easyJet

Ich überlege mir, mich einer formellen Beschwerde einer Kommentatorin anzuschließen, die an den deutschen Werberat formuliert wird/würde/wurde.

Ein wenig pikant – oder auch besonders seltsam – wird die Geschichte mit dieser unschönen Werbung, wenn man auf eine Besonderheit von Easyjet schaut: Der Chef ist eine Chefin. Genauer gesagt Carolyn McCall.

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8 Kommentare zu “Easyjet familienunfreundlich?”

  1. Peter. sagt:

    Sehr schöner Kommentar, Knut! Hab die Werbung zwar noch nicht gehört, bin aber als Familienvater ganz deiner Meinung! Diese affigen Klischeereitereien und das werbliche Schubladendenken gehört durchbrochen – echt mal. Das mag zwar auf einer Meta-Ebene lustig sein – aber wieso nicht mal neue Meta-Ebenen und Klischees und Schubladen entwerfen? Werber, strengt euch an. Und bekommt Kinder.

  2. Isabelle sagt:

    Ich bin froh Eure Kommentare gefunden zu haben.
    Als ich die Werbung heute Morgen zum ersten Mal hörte, blieb mir mein Müsli fast im Halse stecken und ich stellte mir drei Fragen: 1. wie kann es sein, dass mein Lieblingsradiosender “Motor FM” sich für solch perfide und dumme Werbung entscheidet, 2. bin ich eine von vielen oder doch eher eine der wenigen, die diesen diskriminierenden Inhalt erkennt und wie Du, Knut, sich belästigt fühlt und sich daraus ergebend: 3. ist diese Einstellung, Frau und Kind sitzen zu lassen, bzw. sich nach dem Schwängern lieber wieder zu verdrücken, gesellschaftlich schon so weit verfestigt, dass eine sehr populäre Fluggesellschaft meint, damit werben zu können? Kehren wir in unzivilisierte Zeiten zurück, wo ein Mann nicht zu seinen Kindern steht – und was hier auch gleich wichtig ist: zu seiner Frau?!
    Zehntausende Menschen erreicht diese Werbung und dieses falsche Bild über die Beziehung Frauen-Männer, Männer-Kinder wird noch weiter verbreitet.

    Dies ist eine Farce und ich will gegen diese Werbung angehen. Ich werde eine Beschwerde beim Deutschen Werberat einreichen.

    Wollt Ihr Euch anschließen? Gibt es noch etwas anderes?

  3. knutpankrath sagt:

    @Peter
    Das mit der öden, platten und grenzwertig akzeptablen Nutzung von Klischees sehe ich mal als handwerkliche Armut der spotproduzierenden Agentur. Problem könnte sein, dass das vom Kunden so ähnlich gefordert wurde. Damit wäre man plötzlich bei der Frage, wann ein Kunde auftragsfähig ist und was eine Agentur ohne Widerspruch umsetzen sollte. Heisses Eisen das…

  4. knutpankrath sagt:

    @Isabelle
    Also ich habe kein Problem damit, mich als Mann – der heftigste Impuls der Werbung ist wohl eher frauenfeindlich – einer Anfrage oder Beschwerde beim Deutschen Werberat anzuschließen. Wozu gibt es den schließlich? Weiteres gern über E-Mail, damit nicht alle Details hier ausgerollt werden müssen.

  5. Jens Tippenhauer sagt:

    @ Isabell:

    Zur Entlastung Deines Lieblingssenders Motor FM kann ich hier nur anfügen, dass nicht der Sender sich für Werbung entscheidet, sondern der Werbungtreibende – in diesem Falle easyjet. Würde Motor FM die Ausstrahlung eines Funkspots verweigern, hätte der Werbetreibende sogar das Recht, sich dort einzuklagen, sofern die Inhalte des Spots nicht eindeutig gegen gute Sitten verstoßen oder diskriminierend sind.

    Ich habe selbst viele Jahre für verschiedene Sender und Rundfunkanstalten gearbeitet und kenne die Beschwerden und Befindlichkeiten der Hörer. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten unternehmen die Rundfunkanstalten ein Menge, wenn sie mit einem Spot nicht einverstanden sind oder Hörer sich beschweren. Sie verweisen auf die Richtlinien des Werberates oder bitten den Kunden um Bereitstellung anderer Spots. Eine Ausstrahlung von Spots, wie dem hier zitierten kann jedoch niemand verweigern.

    @ alle:

    Nehmt den Spot doch schlicht zum Anlass, Euch eine Meinung über easyjet zu bilden und ggf. das Unternehmen zu meiden. Denn easyjet schadet weder Vätern noch Müttern, sondern eher sich selbst.

  6. Isabelle sagt:

    @Jens:
    nachdem ich dem Sender bereits geschrieben habe, bekam ich auch heute schon eine Email zurück.
    Muss an dieser Stelle mein Unwissen entschuldigen…denn auch der leitende Redakteur bestätigte mir, dass sie die Werbung in einem Paket bekommen und keinen Einfluss haben. Sie selbst fänden die Werbung auch “äußerst streitbar und rückschrittlich”…Gott sei Dank…

    Ich habe dann auf der Website von Easyjet angefangen, nach einer Emailadresse zu recherchieren, an die ich meine Beschwerde leiten kann…natürlich nicht so einfach, aber ich bleibe am Ball.

    Lieber Knut, lass uns dann doch gern per Email weiter kommunizieren. Du müsstest meine Adresse ja haben, oder?!

  7. Isabelle sagt:

    Bezüglich der Antwort der Marketing Managerin:

    Es ist ja wohl offensichtlich, dass hier eine Art Ironie angwendet werden sollte. Sehr verwunderlich, dass diese Dame hier ein Unvermögen Ironie zu erkennen vermutet, anstatt den Diskriminierungs-Vorwurf einfach anzunehmen. Wer mit Ironie arbeiten will, kann dies auf vielen verschiedenen Ebenen machen, aber doch bitte nicht auf Kosten bestimmter Personengruppen!!
    Vielleicht sollte in der Werbeabteilung bei Easyjet einmal darüber nachgedacht werden, die anscheinend talentlosen Mitarbeiter auszuwechseln!!

  8. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Weibliche Nerds und ritterlicher Widerstand – die Blogschau sagt:

    [...] ist der neueste „Gag“ in der Easyjet-Werbung. Knut Pankrath fand das nicht so witzig und hat nachgefragt. Antwort: Alles Ironie natürlich, Augenzwinkern und so. Klarer Fall von [...]