Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Handwerker und Investoren

Erstellt von knutpankrath am Samstag 5. März 2011

Ich prangere mal eine Runde etwas an, von dem ich aus Sicht einer Verwaltungsfachkraft nichts verstehe. Da ich tendenziell allein die Existenz solcher Fachkräfte für einen sichtbar gewordenen Systemmangel halte, konstruiere ich den Fall natürlich bösartig so, dass alles total überspitzt daher kommt. Oder aber der Realität entspricht. Finden Sie es heraus, indem Sie bitte tapfer weiterlesen.

Ich stelle mir vor dem inneren Auge zwei typische Kandidaten vor:

  • Handwerkerin H hat einen ordentlichen Gesellenbrief nach bekannter Prüfungsordnung in einem anerkannten Handwerk erworben. Sie will dieses Handwerk auf eigene Rechnung in Geschäftsräumen und gelegentlich außerhalb dieser ausüben und ihren Kunden darüber ordnungsgemäße Rechnungen stellen. Ihr Handwerk ist von der Sache her weder gefährlich für Kunden noch die Umwelt.
  • Investor I hat im schlimmsten Fall ausschließlich gelernt, sich bar weiterer anerkannter Qualifikationen selbst in Szene zu setzen. Sein exakter Geschäftszweck ist ebenso unklar wie die Gefährdung für Mensch und Umwelt. Er will mit dem Geld Dritter arbeiten und wirkt klarer Verantwortung gegenüber eher gelangweilt bis ablehnend. Dafür kann er große Zahlen genauso locker und entspannt aufsagen, wie normale Menschen Preise für Produkte des täglichen Bedarfs kennen.

Bürokratie

Spätestens seit die allererste – vermutlich durch eigene Ernennung entstandene – “Autorität” sich zwischen einen anbietenden Menschen und einen nachfragenden Menschen gedrängt hat, laufen Dinge seltsam auf diesem ursprünglich lauschigen Planeten. Wie ich das meine? Ganz einfach: Tauschwirtschaft war und ist so einleuchtend wie dem Menschen irgendwie eingebaut. Einer hat den Apfel, der andere etwas anderes. Begehrlichkeiten, Austausch von Wertvorstellungen und fertig ist der Tausch.

So einfach geht das heute nicht mehr. Apfelsachkunde, Nachweis von Herkunft und Lagerung und natürlich alles gaaanz unbürokratisch und zu einsehbaren Gebühren zu erlangen…

Was macht der zuweilen zu Unrecht gepriesene Investor I (Ich meine zur Rettung der Spannung des Beitrags wirklich so ein eher dunkelgraues bis schwarzes Schaf. Und ja: Die sind im echten Leben seltener. Und ich bin unfair. ja, ja, ja) an dieser Stelle? Berater los schicken, Rechnung entgegen nehmen, Rechnungssumme vom Umsatz notfalls auch dem von 0 Null abziehen, erledigt, nix gelernt.

Was hingegen passiert mit der sympathischen Handwerkerin H?

Handwerkerrolleintrag

Ort und Öffnungszeiten der Handwerkskammer herausbekommen, ab zur Handwerkskammer, warten, Gebühren zahlen, Handwerkskarte erhalten.

Gewerberegistereintrag

Ort und Öffnungszeiten des sagen wir mal sehr gelegentlich offenen Gewerbeamtes herausbekommen, ab zum Gewerbeamt, warten, Gebühren zahlen, Gewerbeeintrag haben.

Reisegewerbekarte

Ort und Öffnungszeiten des Dingensamtes herausbekommen (Ist “natürlich” nicht das selbe wie beim Gewerbeeintrag), ab zum Dingensamt, warten, Gebühren zahlen, Reisegewerbekarte erhalten.

Steuernummer

Ort und Öffnungszeiten des zuständigen Finanzamtes erraten, zum FA dackeln, warten, ha keine Gebühren zahlen juhu, Zusendung der Steuernummer mit mehr oder minder sinnigem Zeithorizont zugesagt bekommen.

Zwei Übungen empfehle ich an dieser Stelle. Übung 1: Erraten Sie mal, wie lang die summierten Zeiten für Recherche, Anfahrt und warten sind und wie viel Gebühren dafür weg sind, dass jemand lediglich sagt: Ich will jetzt für Kunden arbeiten. Übung 2: Fragen Sie sich mal, ob Sie das richtig finden oder wie das womöglich in anderen Ländern organisiert ist.

Alimentierung

Je nach Lautstärke des Auftritts und der Bekanntheit eines Investors werden diesem Türen geöffnet. Und irgendeine Förderung ist immer drin. Notfalls wird plakativ mit “x neue Jobs” öffentlich herumkrakeelt. Dabei ist eher unklar, ob das Finanzamt gegen die pfiffigen Buchhalter später jemals an namhafte Steuern herankommen wird. Die Handwerkerin hat da keine Chance, obwohl sie zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen zusammen vermutlich mehr für Wachstum und Kunden tut, als ein Investor mit unklarem Profil. Und die gibt es auch in Berlin. Jawohl.

Nutzen für die Region

Natürlich braucht die Region echte Investoren und zupackende Handwerkerinnen. Aber machen wir uns nichts vor. Ohne ein funktionierendes Netzwerk von Handwerkern entsteht kaum ein Gebäude, wird wenig repariert und die für viele selbstverständlich gewordene Infrastruktur des täglichen Lebens bräche schnell zusammen. Und machen wir auch nichts vor: Ohne in die Zukunft schauende Investoren geht auch nichts. Die sorgen nämlich auch für einen Teil der gut gefüllten Auftragsbücher des Handwerks.

Plädoyer

Jetzt könnten Sie fragen, wozu ein so langer Text, wenn denn alles prima ist. Es ist aber nicht alles prima. Vernünftige Investoren werden oft so angeschaut, als wollten sie Menschen durch von ihnen angestoßene Veränderungen Böses tun. Das ist grober Unfug. Unterlassen Sie das bitte und mischen Sie sich lieber ein, wenn Sie glauben, ein Investor müsse noch dies oder das über die Gegend oder die Menschen erfahren, damit er in deren Sinn operieren kann. Und natürlich halte ich die zur Blüte getriebene Bürokratie für Unfug. Auch Handwerkerker bräuchten eine one-stop-agency. An einer Stelle wird alles erfragt und eingegeben, die notwendigen Informationen werden elektronisch weiter gereicht und ggf. kommem von verschiedenen Stelle Bescheide und Dokumente elektronisch oder hübsch per Brief. Alles andere ist Notbehelf.

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3 Kommentare zu “Handwerker und Investoren”

  1. Martin Reeckmann sagt:

    Das ist DRUCKREIF!

  2. knutpankrath sagt:

    @Martin Reeckmann
    Danke für dieses dicke Lob. Nun fragt sich der Schreiberling, waren es die Worte, die Beobachtung, die Wertungen oder der ganz spezielle Mix? Ist ja nicht uninteressant für die weitere Entwicklung dieser Seite und meiner anfangsverdächtigen Talente…

  3. maree sagt:

    Es ist der spezielle Mix aus wertender Beschreibung einer Beobachtung. Wobei die Beobachtung dem Vergleich zweier Wirtschaftsteilnehmer gilt, deren sehr verschiedenes Geschäftssvolumen und Geschäftsgebaren einerseits die Türen unterschiedlich wichtiger Amtsträger öffnet und andererseits zu keiner bzw. schubladenorientierter öffentlicher Aufmerksamkeit führt. Der vergleichende Anteil weckt Interesse.
    Außerdem schließt an die skizzenhafte – und damit nicht langweilende, sondern anregende – Beschreibung ein Plädoyer an, was den geneigten Leser schon begrifflich auffordert, sich ein Urteil zu bilden.