Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Kopf schlägt Kapital

Erstellt von gemeinschaft am Sonntag 5. Oktober 2008

Als langjähriger Besucher des Labors für Entrepreneurship war ich ausgesprochen gespannt, womit genau und wie Professor Günter Faltin sich mit dem nun vorliegenden Buch Kopf schlägt Kapital zu Wort melden würde. Da ich am Rande einer Veranstaltung den Kontakt des nun herausgebenden Hanser Verlag mitbekommen hatte, war ich schon einige Zeit länger gespannt, als das öffentliche Publikum, das erst mit Ankündigung des Werkes Hoffnung auf kluge Gedanken zum Mitnehmen entwickeln konnte.

PLUS

  • Das Buch ist in meinen Augen nicht weniger als die aufklärende Anleitung und der Aufruf, sich mit Hilfe seines eigenen Kopfes einen Weg aus wirtschaftlichen und gedanklichen Abhängigkeiten zu erarbeiten. Faltin zeigt einen einleuchtenden und ermutigenden Weg auf, in dem Schritt für Schritt gezeigt wird, dass das jeder kann, der sich wirklich auf den Hosenboden setzt.
  • Günter Faltin räumt auf in den Köpfen möglicher Gründer, weil er Dinge in Frage stellt, die als pure Konvention z.B. in Lehrplänen von Ausbildungsstätten und den Richtlinien von geförderten Gründungsberatungen geronnen sind.
  • Der Leser des Buches erhält eine Sichtachse auf die Ökonomie freigeräumt und ausgeleuchtet, die absolut ermutigend ist auch wenn er Fertigkeiten nicht haben sollte, die VERMEINTLICH zu einem Gründer gehören. Sein Credo für mein Verständnis ist es, dass in einer arbeitsteiligen Welt nahezu alles incl. z.B. betriebswirtschaftlicher oder juristischer Aufgaben delegierbar ist und ein Gründer sich eher in die Rolle eines Komponisten und Dirigenten verschiedener Leistungserbringer denn als dilettierender Hilfsmusiker an zahlreichen Instrumenten denken sollte.
  • Faltin arbeitet eine bislang breit unterbewertete Unterscheidung von dem Menschen, der ein Unternehmen “erfindet” (Entrepreneur, eher Künstler und Kreativer, business creator) und dem, der das Tagesgeschäft stemmt (z.B. BWLer, business administrator) heraus. Er bricht hier mit dem Primat der Zahlen, was absolut einleuchtet. Kunden kaufen letztlich [neue] Lösungen beliebig gearteteter Probleme und nicht die nackte Effizienz, mit der diese erbracht werden.
  • Es war eine Wohltat, ein sprachlich geschliffenes Buch zu lesen, das ohne fachchinesisch kluges sagt und ganz offenbar vom gesamten Team mit hoher handwerklicher Sorgfalt hergestellt wurde. So wird eine große Idee gut in Szene gesetzt.
  • Ein bespielhaft schönes Detail des Buches sind für mich die Untertitel. Sowohl “Die andere Art, ein Unternehmen zu gründen” als auch “Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein” sprechen Menschen an, die im Schema herrschender Gründungsdoktrinen eher nicht angesprochen werden. Da es sich bei denen wenigstens teilweise um die Hefe des Teiges Gründungsgeschehen handelt, sind sie aber unverzichtbar und gehören wie von Faltin getan ermutigt.

MINUS

  • Trotz einiger eingerahmter wohlgewählter Zitate und anderer als wichtig herausgestellter Gedanken hätte ich mir ein wenig mehr an grafischer Unterstützung wie z.B. der Infografik auf Seite 39 gewünscht, damit die Eingängigkeit der Inhalte noch erhöht wird.
  • Der Grundgedanke des notwendigen Bruchs mit dem Primat von Zahlen, Effizienz und Betriebswirtschaft taucht mir ein wenig zu oft im Sinne von verstreut auf. Eine zentrale Stelle für diesen dringend zu führenden Diskurs hätte ich vermutlich als eindringlicher für die Leser wahrgenommen. Dieser Punkt greift die von Faltin gelegentlich verwendete Formulierung “vor die Klammer ziehen” auf…

FRAGE

  • Wenn ich überlege, wie lange ich schon von den Gedankenkindern von Prof. Faltin profitiere, frage ich mich, warum das Buch erst jetzt erscheint. Vielleicht war die Zeit vorher wirklich noch nicht reif?

SUMME

  • Das Buch hat es bereits in die Top 10 meiner derzeit liebsten Fachbücher gebracht. Wer den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant rief seinerzeit ausdrücklich dazu auf), kann mit diesem Buch gedankliche und emotionale Hindernisse auf dem Weg zu einem ökonomisch selbstbestimmten Leben aus dem Weg räumen. Dafür sind nach meinem Gefühl 19,90 Euro wohl investiert. Außerdem macht die Lektüre eines, was in den Wirtschaftswissenschaften sonst oft zu kurz kommt: Spaß! Haben Sie diesen auch, wenn Sie das Buch in die Hände bekommen!

Nachträge

  1. Den Appetithappen für eine kommende Rezension habe ich bei Hannes Offenbacher hier gefunden.
  2. Burkhard Schneider hat seinen Rezensionsjob hier mit einem längeren Beitrag abgeschlossen, der eine Reihe von Punkten enthält, die ich locker übergangen habe.
  3. Eine kluge Einordnung des Buches findet sich auch hier beim Kollegen Sven Lehmann.
  4. Jörg Weisner auf Job & Joy kommt hier gar mit einer Meta-Rezension daher. 8-)
  5. Eine weitere für mich aus dem digitalen Strom herausragende Rezension hat Wolfgang Hanfstein hier veröffentlicht.


Verwandte Beiträge

  • keine verwandten Beiträge

3 Kommentare zu “Kopf schlägt Kapital”

  1. Réka sagt:

    Faltin spricht über eine Unterscheidung von Tätigkeiten (Entrepreneurship vs Business Administration) und nicht von Menschen. Bei einer kleinen Firma ist es möglich, dass eine einzige Person für alles zuständig ist, es kann aber praktisch sein einige BWL-Aufgaben von Experten (andere Firmen, evtl. Mitarbeiter) erledigen lassen. Besonders wenn der „Unternehmer“ nicht genug Zeit hat und Prioritäten setzen muss. Das Konzept soll immer einen Vorrang haben.
    Auch ich halte diese Unterscheidung wichtig, aber ohne den Anschein zu wecken, dass es „geborene Entrepreneur“ und „geborene Business Administrator“ gibt.

  2. Florian Komm sagt:

    Vielen Dank für die aufführliche Rezension von Kopf schlägt Kapital.

    Professor Faltin stellt auf http://www.entrepreneurship.de weitere Texte zum Thema Entrepreneurship zum Lesen und Herunterladen kostenlos zur Verfügung.

  3. Florian Komm sagt:

    Seit einigen Wochen gibts für die auditiv Veranlagten auch das Hörbuch. Die ungekürzte Fassung kann man auf der Internetseite zum Buch oder bei Amazon bestellen. http://bit.ly/d1w7mp