Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

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Lebenssurrogate

Erstellt von knutpankrath am Dienstag 24. Juni 2014

Als ich mal kürzlich über eine mich nicht ansprechende Errungenschaft der letzten Jahre wunderte, kam mir eine Frage in den Sinn, wie diese Dinge vielleicht zusammenhängen könnten. Das war ein für mich erfreulicher Moment, könnte er doch ein wenig mehr Ordnung und Struktur in zuvor dumpf gefühlte Ablehnung bringen. Das teile ich gern mit Ihnen. Nehmen Sie das so ernst, wie Sie mögen.

Spa statt Sport und Erholung

Es gab Zeiten, da haben Menschen richtigen Sport getrieben und sich auch mal längere Zeit am Stück erholt. Man fühlte sich wohl in körperlicher Aktivität, beendete diese, fühlte sich wohl auf dem Weg nach Hause und fühlte sich danach wohl in der Kneipe, im Bett oder auch im Fernsehsessel. Das unkoordinierte und teilweise sogar kostenfreie Wohlfühlen musste dringend aus seinen gewachsenen Kontexten gelöst, gebündelt und um einzeln abrechenbare Wohlfühldienstleistungen ergänzt werden. So entstehen künstliche Oasen des Wohlfühlens, bei denen zahlreiche Menschen geregelt über die Hürde Eintrittspreis draußen bleiben müssen. Das finde ich doof.

Fast Food statt richtigen Essens

Es gab Zeiten, da konnten selbst minder begabte Menschen wenigstens eine Hand voll Gerichte so zubereiten, dass sie das mehr oder weniger gerne aßen. Mit Zubereitung meine ich dabei die Verwendung frischer Produkte an Stelle von Convenience Produkten und Dosenfutter. Irgendwann verblödeten auch im Gewicht gern zunehmende Teile des unsportlichen Volkskörpers ob ihrer Kochkompetenz. Außerdem hat mensch ja keine ach so kostbare Zeit für richtiges Essen. Gar nicht so schnell hin zu den Orten der Massenabfütterung, meist im Stehen wartend auf Bestellannahme und Biomassenabgabe und dann an Schultischähnlichen Konstrukten in mäßig einladendem Ambiente das Zeug hineingeschlungen. Das mag ich nur selten.

Power Napping statt richtiger Erholung

In Zeiten, wo auch Wochenenden nach einem hypertrophierten Leistungsgedanken erschöpfend vollgestopft werden, kann mensch natürlich nicht genug Zeit haben, sich mal vernünftig auszuschlafen. Auch eine sinnvolle echte Pause vielleicht sogar mit Bewegung kommt nicht in Frage. Also wird der Moment kurz vor der körpereigenen Selbstabschaltung nicht Zusammenbruch sondern vermeintlich selbst gewähltes Power Napping genannt. Ob so dauerhaft gute Leistungen zu Stande kommen? Ich glaube das nicht.

Energy Drink statt Körpersignale beachten

Es ist schon bezeichnend, dass der normale Städter wahrscheinlich mehr Sorten Energy Drink als Kartoffelsorten aufzählen kann. Diese durch besemmelt hohe Zuckerzugaben brutal überkalorisierten meist auch noch chemisch abschreckend riechenden Brühen ersetzen ein Körpergefühl für besonders geeignete oder ungeeignete Momente für bestimmte Aktivitäten. Der Lifestyle des “Bauteils Mensch” in einer Welt, die eigentlich für ihn gemacht sein soll. Da könnte etwas nicht stimmen.

E-Zigarette statt rauchen oder nicht rauchen

Mensch konnte sich früher einmal entscheiden, ob er rauchen wollte. Dann tat er es. Wollte er es nicht, tat er es eher nicht. Heute nun kann Mensch auf die durch kollektive Intelligenz im öffentlichen Raum mindestens schon teilgeächteten Stinkedinger verzichten, ohne sich von stofflicher Sucht lösen zu müssen. Denn wozu anders können diese mich irritierenden Giftstoffinhalatoren gut sein?

Leben Sie mehr!

Haben Sie auch das Gefühl, der Wochenendausflug an irgendeinen See oder in irgendeinen Wald könnte schöner, echter und erholsamer sein, als einmal mit den anderen abgerichteten Konsumenten in einer künstlichen Realität namens xyland herumzulatschen? Suchen Sie sich doch gezielt Ihren eigenen Weg durchs Leben. Haben Sie mal Kinder beobachtet, die an irgendeinem natürlichen Gewässer mit einer Hand voll Stöckern und Steinen barfuß stundenlang herumgewerkelt haben? Das bietet Ihnen KEIN Themenpark. Also leben Sie echt statt das Surrogat der Bedürfniswecker zu wählen.

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