Knut Pankrath

Dienstleister und Mensch

Politische Stiftungen erst bei Web 0.95?

Erstellt von gemeinschaft am Montag 26. Mai 2008

Bei der Recherche nach Veranstaltungen in Berlin, die für die Leser interessante Inhalte bieten könnten, habe ich mir einmal die Webseiten einiger parteinaher Stiftungen angesehen, wie das so schön unscharf und niederschwellig politisch korrekt genannt wird. Ich hätte schon noch den Seitenhieb aus dem Hirn anzubieten, dass die reale Abhängigkeit von den jeweiligen Parteien die Stiftungen nur vorschiebt, um einige der Privilegien zu nutzen, die die mit dem Begriff Stiftung verbundenen Rechtnormen dieses Landes vorhalten. Aber darum geht es hier gar nicht.

Meine Ursprungsidee und mein vermeintlich ganz einfacher Wunsch war folgender: Ich besuche die jeweilige Seite und abonniere am liebsten als RSS-Feed oder auch via Newsletter die Informationen zu angekündigten Veranstaltungen, damit ich gut infomiert bin, ohne ständig die Seiten aktiv ansurfen zu müssen. Was ich statt dieses eigentlich erwarteten Angebots vorgefunden habe, fand ich so wenig beglückend, dass es mir einen Beitrag wert ist, der gern auch als Hinweis verstanden werden darf, was normale Nutzer einer Stiftungsseite heutzutage eigentlich vorzufinden erwarten. Die besuchten Stiftungen in alphabetischer Reihenfolge der inhaltlich zugehörigen Partei waren:

Bündnis 90 / Die Grünen (Heinrich-Böll-Stiftung)

  • Kein RSS. Newsletter Abo heisst hier “PROFIL ERSTELLEN”, wobei ein Formular mit 18 Feldern(!) den Nutzer eher verschreckt als einlädt. Das hat mit Datensparsamkeit nichts zu tun. Positivum kontratierend zur assoziativen Vorlage, sich komplett selbst abzubilden, sind auch die wirklich notwendigen Felder (mir etwas zu zaghaft) gekennzeichnet.

CDU (Konrad-Adenauer-Stiftung)

  • Hier gibt es einen RSS-Button, bei dem jedoch unklar ist, was genau man abonniert. Also nur Veranstaltungshinweise oder “das ganze Programm”. Bei zwei Versuchen hat es mit meinem Feedreader nicht funktioniert, den Feed zu abonnieren, obwohl ich sicher zu den geübten Nutzern dieser Technik gehöre.

CSU (Hanns-Seidel-Stiftung)

  • Kein RSS. Veranstaltungshinweise scheinen nicht separat abonnierbar zu sein. Die Anmeldung für den Newsletter kommt mit 4 Feldern aus und wird über eine SSL-verschlüsseltes Pop-up-Window eingesammelt. Das ist handwerklich solide, wenn es auch meinen Ursprungswunsch nicht erfüllt.

FDP (Friedrich-Naumann-Stifung)

  • Kein RSS. Auch hier wird der informationsfreudige Surfer mit 10 Feldern konfrontiert, bei denen es keine Unterscheidung zwischen notwendig und optional gibt. Als Knüller kann man aus 30 Themenfeldern bis zu 5 Stück per Checkbox als seine Interessen kennzeichnen. Das ist schlicht zuviel des Guten.

Linkspartei (Rosa-Luxemburg-Stiftung)

  • Kein RSS. Die Veranstaltungen sind anscheinend nicht separat als Info buchbar. Vor den Newsletter wurde wieder ein Formular mit über einem Dutzend Felder gesetzt, von denen die ersten 5 notwendig sind und der Rest als optional klar gekennzeichnet ist.

SPD (Friedrich-Ebert-Stiftung)

  • Kein RSS. Hier gibt es eine für ungeübte Nutzer meiner Ansicht nach irritierende Suche nach Veranstaltungen unter Nutzung von HTML Tags, die nicht gerade selbsterklärend sind. Wenn man die nutzt, kommt mal wieder ein Formular, das in diesem Fall mit 10 Feldern daher kommt, von denen aber gnädigerweise 5 nicht ausgefüllt werden müssen. Als Sahnetupfer der Nutzerunfreundlichkeit empfinde ich die Formulierung zu einem Kommentarfeld: “Haben Sie sonstige Hinweise und Anfragen? (bitte fassen Sie sich kurz)” Wie wäre es mit einer positiven und einladenden Formulierung wie z.B. “Sollte Ihnen der Platz in unserem Formular nicht ausreichen, sollten wir vielleicht persönlich miteinander reden. Sie erreichen uns unter xxx xx xx.”?

Fazit: Oh weh. Wenn man zum funktionellen Manko noch dazu nimmt, dass manche der Systeme einen so veralteten HTML Code (nicht mehr W3C-kompatibel) absondern, der Suchmaschinen eher abschreckt oder Seiten in Browsern die internen Namen der Formulare mit anzeigen, was vermutlich nicht erwünscht ist, sehe ich da – wie heißt es so schön – riesengroße Verbesserungspotentiale.

Ich werde wohl auf die Informationen dieser Institutionen verzichten, weil ich es nicht einsehe, meine Daten herzugeben, um Informationen zu erhalten, die der Sender eigentlich sehr gern als Teil des eigenen Selbstverständnisses verbreitet haben möchte. Vielleicht weisen Sie als Leser ja die Ihnen inhaltlich besonders nahe stehende Stiftung auf diesen Beitrag hin? Es wäre ja schön, wenn man dort auch langsam das anbietet, was der Nutzer will…

  1. Nachtrag
    Beinahe zwei Monate später hat keine der erwähnten Institutionen auf diesen Beitrag reagiert. Gemessen an der moderaten und aus meiner Sicht sachlich richtigen Kritik eines Verhaltens ist das eher schwach.
  2. Nachtrag
    Zum Thema Spitzenvertreter einiger Parteien und deren Sichtbarkeit im Web 2.0 gibt es hier den Hinweis auf eine Studie sowie die Lizenz, unter der sie verwendet werden darf. Die im Rahmen des Webmontags vom 21.07.2008 präsentierten Teilergebnisse entsprachen für mich erschreckenderweise der zu unterstellenden Unkenntnis oder dem Unwillen, sich mit diesen neuen Kulturtechniken und ihren Nutzern adäquat auseinander zu setzen. Die Studie soll fortgeführt werden und bis nach der Bundestagswahl auch Änderungen darstellen.
  3. Drei Tage vor dem Auftritt von Barack Obama in Berlin frage ich die Damen und Herren des Bundestags: Sieht so Politikverdrossenheit aus? Was hat dieser Mann, der ja in Deutschland nicht zur Wahl steht, was den derzeit agierenden und retardierenden Teilzeitbewohnern des Reichstages offensichtlich nahezu flächendeckend fehlt?
  4. Eine weitere gute Quelle mit weiterführenden Hinweisen zum etwas allgemeineren Thema Politik und Web2.0 stellt ein Beitrag von Alexandra Graßler dar.

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